Apotheker in Panik: Fällt die Preisbindung?

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Medikamentenpreise unter Druck

Update 23.10.: Nach einer Meldung des Hamburger Abendblatts will Bayern den Onlinehandel mit Medikamenten komplett verbieten, und hat dazu eine Bundesrats-Initiative angekündigt.

Apotheker in Panik: Fällt die Preisbindung?

Neue Spielregeln für Versandapotheken! Nach einem heute gefällten Urteil des Europäischen Gerichtshofs steht die Preisbindung für rezeptpflichtige Medikamente auf dem Prüfstand. Die Richter haben entschieden, dass die deutsche Preisbindung den freien Warenverkehr innerhalb Europas beeinträchtigt, sprich ausländische Anbieter vom deutschen Markt fern hält.

Günstige Preise für Medikamente

Für chronisch kranke Patienten besteht die Hoffnung, dass sie die in Deutschland erforderlichen Zuzahlungen für rezeptpflichtige Medikamente über ausländische Versandapotheken umgehen können, und zwar nicht wie bisher in einer juristischen Grauzone –  über Rabattsysteme und spezielle Konditionen für bestimmte Patientenorganisationen. Eben eine solche Organisation hatte den Rechtsstreit auch ausgelöst, nämlich die Deutsche Parkinson Vereinigung, deren Mitglieder über eine Kooperation mit der niederländischen Versandapotheke DocMorris spezielle Boni erhielten. In der Urteilsbegründung fordert der EuGH eine Verschärfung des Wettbewerbs – mit dem Ziel einer finanziellen Entlastung der Patienten:

Ein Preiswettbewerb könnte auch den Patienten Vorteile bringen, da er es gegebenenfalls ermöglichen würde, verschreibungspflichtige Arzneimittel in Deutschland zu günstigeren Preisen anzubieten als sie derzeit festgelegt werden.

Quelle: EuGH-Presseerklärung

Notfall für Deutsche Apotheken

Eine bittere Pille müssen nun die deutschen Versandapotheken schlucken, denn das Gericht erklärte die Preisbindung nur für ausländische Versandapotheken als unzulässig. Nun liegt es am Gesetzgeber, das Urteil umzusetzen. Die Frage ist nur, wie dieser Gordische Knoten gelöst werden kann. Mit Sicherheit werden die deutschen Apotheker wegen Inländer-Diskriminierung klagen, wenn das heutige Urteil 1:1 in die Gesetzgebung fließt. Um deutsche Apotheker nicht zu diskriminieren, gibt es eigentlich nur noch einen Weg: Die generelle Abschaffung der Preisbindung für rezeptpflichtige Medikamente.

Nun spielen aber Apotheken traditionell eine wichtige Rolle bei der Gesundheitsversorgung, und Deutschland verfügt über ein sehr dichtes Apothekennetz. Nicht wenige Inhaber sehen durch das jüngste Urteil nicht nur ihre persönliche Existzenz bedroht, sie verweisen auch auf die Vorgaben des Apothekengesetzes ApoG. In 1 § heißt es dort:

Den Apotheken obliegt die im öffentlichen Interesse gebotene Sicherstellung einer ordnungsgemäßen Arzneimittelversorgung der Bevölkerung.

Der Europäische Gerichtshof zeigt sich allerdings völlig unbeeindruckt. Die Urteilsbegründung werden nicht wenige Weißkittel als Zynismus empfinden. Nach Empfehlung des EuGH sollen die Apotheker zu Mörser und Stößel greifen und Medikamente selbst herstellen, um die Kunden zu begeistern:

Zudem liegen dem Gerichtshof keine Belege dafür vor, dass sich die Versandapotheken ohne die betreffende Regelung einen Preiswettbewerb liefern könnten, so dass wichtige Leistungen wie die Notfallversorgung in Deutschland nicht mehr zu gewährleisten wären, weil sich die Zahl der Präsenzapotheken in der Folge verringern würde.

Andere Wettbewerbsfaktoren wie die individuelle Beratung der Patienten durch Personal vor Ort könnten den traditionellen Apotheken nämlich eventuell dabei helfen, konkurrenzfähig zu bleiben. Es könnte sich auch herausstellen, dass für die traditionellen Apotheken, wenn sie sich einem Preiswettbewerb der Versandapotheken gegenübersehen, sogar ein Anreiz dazu bestünde, mehr Leistungen im Allgemeininteresse wie die Herstellung von Rezepturarzneimitteln anzubieten.

Apotheker: Gründet Onlineshops!

Der Kauf von Medikamenten ist Vertrauenssache, und die rund 53.000 deutschen Apothekerinnen und Apotheker genießen zurecht ein hohes Ansehen. Sie haben allesamt ein Studium der Pharmazie abgeschlossen, tragen eine hohe Verantwortung und leisten Nachtdienste, die sie nicht an Verkaufhilfen delegieren dürfen. Sie verbringen eine Nacht pro Monat auf einer Pritsche neben dem Glöckchen, um im Notfall wichtige Medikamente auszugeben.

Wenn die Apothekerinnen und Apotheker nicht von den großen Versendern überrollt werden möchten, dann gibt es nur eine Lösung: Die Gründung von eigenen Onlineshops, in denen die Stammkunden Medikamente zu einem günstigeren Preis kaufen können. Ausgeliefert wird dann per Versand oder per Selbstabholung in der Apotheke. Die Apotheker sind gut beraten, rechtzeitig Nägel mit Köpfen zu machen – bevor sich die Kunden an DocMorris und die anderen großen Versandapotheken gebunden haben. Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit! Oder, um es mit den Worten des Schriftstellers und approbierten Apothekers Theodor Fontane zu sagen:

Alles Alte, soweit es den Anspruch darauf verdient hat, sollen wir lieben; aber für das Neue sollen wir eigentlich leben.

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2 Gedanken zu „Apotheker in Panik: Fällt die Preisbindung?

  1. Na super, wenn die Versandaoptheken in Deutschland verboten werden, dann blüht eben der Graubereich… Nicht auszudenken, was dann windigen Angeboten auf den Markt schwappt, um die in Deutschland exorbitanten Medikamentenpreise zu unterbieten. Dann lieber einen geregelten und kontrollierten Markt schaffen. Wie war das nochmal mit Laptop und Lederhose?
    Jochen Ziegler

    • Danke für die Meinung, der ich mich anschließe. Die Zeiten der königlich-bayerische Hofapotheke sind dann wohl vorbei.. wobei ich aber das Flair der alten Apotheken schon mag. Aber ein chronisch Kranker sieht das eben anders, und warum sollte der nicht online bestellen?
      Grüße,
      Bernd

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